FILMFEST-SPECIAL: CHINA

 FILMFEST MÜNCHEN / 13. Juli 2018 / BLOG

Filmkunst aus China: Ein drohender Sturm zieht auf

 

Nur wenige anspruchsvolle chinesische Filme kommen bei uns ins Kino. Wie vielfältig und politisch das Arthouse-Kino im Reich der Mitte ist, zeigte die Auswahl des Kurators Bernhard Karl auf dem diesjährigen Filmfest München Anfang Juli.

 

„Wir sehen einen Fluss in einer Wasserstadt. Auf der Oberfläche ist es ruhig, aber darunter passiert sehr viel“, sagt der chinesische Regisseur Miaoyan Zhang in München. In seinem Film geht es um Dinge, die man nicht sehen kann und über die niemand spricht – China erlebt momentan rasante Veränderungen und es scheint Realitäten zu geben, die man im chinesischen Kino offenbar nur abstrakt oder metaphorisch zeigen kann. Miaoyan Zhang ist nach München gekommen, um seinen Spielfilm „Silent Mist“ vorzustellen. Fünf weitere chinesische Filme sind in diesem Jahr im Programm des Filmfests, kuratiert von Bernhard Karl, der für das internationale und asiatische Kino verantwortlich ist. Die Auswahl ist verteilt auf vier verschiedene Reihen – alles in allem eine gute Chance also, um einen Blick auf die aktuelle chinesische Kinolandschaft zu werfen.

 

„Das Bild, das wir hier abliefern, ist das einer superschmalen Intelligenzia“, sagt Bernhard Karl über seine Filmauswahl. Damit gemeint sind Arthouse-Filme, für die sich in China nur ein Nischenpublikum interessiert und die nur in kleineren Kinos zu sehen sind. Falls sie überhaupt gezeigt werden – in den letzten Jahren hat sich in China immerhin eine Infrastruktur für Filmkunst entwickelt, die abseits vom Mainstream zu funktionieren scheint, wie chinesische Filmfestgäste während einer Podiumsdiskussion bestätigten.

 

 

Der Fluss und die Mädchen

 

„Silent Mist“ ist eine poetische Meditation, ein filmisches Essay, das fast ausschließlich aus langen Kamerafahrten besteht, die in einem älteren Teil von Hangzhou gedreht worden sind. Gesprochen wird fast nichts, doch in der Dunkelheit eines Kanals geschehen schreckliche Dinge: Drei Frauen werden vergewaltigt. Der Film wurde mit Laiendarstellern realisiert, er hat keinen chinesischen Gütestempel bekommen, wurde in seinem Heimatland nicht finanziert und hat dort bisher auch keine Genehmigung bekommen. Dass „Silent Mist“ doch produziert wurde und bereits auf Festivals in Busan und Rotterdam zu sehen war, ist den Franzosen zu verdanken, die bei der Finanzierung geholfen haben. „Meines Erachtens ist das ein sehr mutiger Film“, sagt Bernhard Karl. „Eigentlich sogar der politischste Film von allen.“ In „Silent Mist“ würden in dunklen Gassen und unter der Oberfläche des Flusses Sachen schlummern, über die in China niemand spreche und die der Regisseur über diesen Film übermittle. Der Film wirke nicht ganz zu Ende gedacht, meint Karl, aber er wäre „unheimlich stark in dieser distanzierten Kamera, die wie eine hinterhältige Schlange durch dieses Dorf fährt und dabei eine Geschichte erzählt, die auf wahren Begebenheiten beruht“.

 

Am Ende der Filmhandlung begegnen sich die Frauen nochmal wie isolierte Gespenster. Sie gehen aneinander vorbei, vereint im Schmerz und doch getrennt durch eine Wortlosigkeit, in der das Wesentliche nicht ausgesprochen werden darf.

 

 

Ein voyeuristisches Internet-Melodram

 

„Dragonfly Eyes“ ist der Titel eines Experimentalfilms, der von dem bekannten chinesischen Konzeptkünstler Xu Bing realisiert wurde. Xu Bings Werke waren unter anderem im MoMA in New York oder im British Museum zu sehen. „Dragonfly Eyes“ ist aus mehrehren zehntausend Stunden Material von Überwachungskameras zusammengesetzt worden, die in China omnipräsent sind – Experten schätzen die Anzahl der Kameras im öffentlichen Raum auf mehr als 100 Millionen. Die Realbilder zeigen alltägliche Szenen, Unfälle, Naturkatastrophen, Aufnahmen von Web-Cams, Hotelgängen, Lobbys, Gerichtsräumen und Polizeizentralen.

 

All dieses Material schneidet Xu Bing zu einer Art Story zusammen: Eine Liebesgeschichte oder vielmehr ein Melodram über die Suche nach einer Frau, die sich durch eine plastische Operation verändert hat, um sich als Streaming-Plattform-Star im Internet neu zu erfinden. Der Regisseur spielt mit Identitäten und dem Thema Überwachung, die Handlung scheint aber nur ein Vehikel zu sein, um einen stärkeren Rahmen zu schaffen. Verstörend ist außerdem, wie wahllos Xu Bing mit den Aufnahmen von Unfällen umgeht: Diese Sequenzen tauchen ununterbrochen auf, was zugleich effekthascherisch wirkt und außerdem die Tatsache verstärkt, dass man als Zuschauer nur ein Voyeur ist. „Man sieht auch ganz klar, das ist der Film eines Nicht-Cineasten. Das ist ein Essay, ein Avantgarde-Kompilationsfilm aus mehreren hundert Stunden Fremdmaterial“, sagt Bernhard Karl über „Dragonfly Eyes“. Der Film wäre aber auch ein interessantes Fenster, dass sich in die für uns so undurchdringliche chinesische Gesellschaft hinein öffne. Der Film sei auch ein wichtiger Beitrag zum Thema Überwachung.

 

Bis Anfang September kann man sich übrigens noch Sequenzen aus „Dragonfly Eyes“ als Installation im Lehmbruck Museum in Duisburg anschauen.

 

 

Ein drohender Sturm zieht auf

 

In dem düsteren Thriller „The Looming Storm“ erzählt Autor und Regisseur Yue Dong die Geschichte eines Fabrik-Sicherheitschefs, der sich wahnhaft in seine Rolle als Hobbydetektiv hineinsteigert. Die Handlung pendelt zwischen den Jahren 1997 und 2008: Im Jahre 1997 wurde Hongkong an China zurückgegeben; außerdem tobte ein Jahrhundertsturm – ein tropischer Zyklon – der mehr als 20 südliche Provinzen ins Chaos stürzte. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass in „The Looming Storm“ kaum eine Minute vergeht, in der es nicht regnet: Die ganze Atmosphäre des Films ist dunkel, vernebelt und farblich entsättigt. Als Kulisse dienen die rußgeschwärzten Stahlbauten der Schwerindustrie, brennende Öfen und die verschlammten Straßen einer namenlosen Stadt. „The Looming Storm“ ist der erste lange Spielfilm von Yue Dong und dafür extrem stilsicher: Es ist spannend zu sehen, wie hier die Gesetze des Film Noirs kontinuierlich zitiert werden, in Wirklichkeit aber das Ende einer Epoche zelebriert wird.

 

Der Film beginnt im Jahre 2008, blendet dann aber gleich zurück in die Vergangenheit: Vor einer Fabrik wird die erste vom mehreren Frauenleichen gefunden – der Täter ist offenbar ein Serienmörder. Der übereifrige Security-Angestellte Yu Guowei (gespielt von Yihong Duan) drängt dem Polizeichef Zhang (Yuan Du) seine Mithilfe an den Ermittlungen förmlich auf.

 

Von den Fabrikarbeitern wird Guowei jetzt nur noch spöttisch Detektiv Yu genannt. Am Tatort fotografiert er heimlich die erste weibliche Leiche. Später freundet er sich mit der Prostituierten Yanzi (Yiyan Jiang) an. „Werden wir irgendwann frei nach Hongkong reisen können“, fragt sie in einer der Szenen. Dass Yu die attraktive Frau nur als Lockvogel für den vermeintlichen Killer benützen wird, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In einer meisterhaft gefilmten Sequenz verfolgt Yu einen Verdächtigen während strömenden Regens über das Fabrikgelände, vorbei an Hochöfen und schwelenden Tanks. In einer Gleisanlage kommt es zum Kampf mit dem Mann, dessen Kopf von einer Kapuze verhüllt wird und dessen Gesicht wir niemals zu sehen bekommen. Yu wird den Killer bis zum Ende der Handlung nicht zur Strecke bringen. Der Film endet im Jahre 2008 mit der Sprengung der Fabrik und dem Ende eines dunklen Zeitalters.

 

Bernhard Karl zieht eine durchaus kritische Bilanz: „The Looming Storm“ ist ein Polizei-Thriller besonderer Art, der eine hohe Qualität hat, der aber nur darauf abzielt, mit einer pfiffig inszenierten Geschichte ein Publikum zu gewinnen. Ich finde das sehr gut, aber man sieht natürlich, er ist voller Zitate und er ist – böse gesagt – von der Autorschaft her auch angreifbar. Aber der Film ist unheimlich klug gemacht.“

 

 

Im Zeichen des Jianghu

 

„Alle meine Filme haben zu tun mit der rasanten Entwicklung des Landes“, sagt der chinesische Regie-Star Jia Zhangke bei einer Diskussion in der Black Box im Gasteig. Der Filmemacher gilt als der Nachfolger von Zhang Yimou – laut Bernhard Karl ist es dem Konfuzius-Institut zu verdanken, dass der Regisseur jetzt nach München gekommen ist. Vorher war er mit seinem neuen Werk „Asche ist reines Weiß“ offizieller Teilnehmer beim Filmfestival in Cannes. Dort gewann Hirokazu Kore-eda mit „Shoplifters“ die goldene Palme. Das japanische Drama wurde auch in München als bester internationaler Film ausgezeichnet.

 

Der Kurator ist seit langer Zeit ein glühender Fan des Arthouse-Regisseurs: „Da kann ich natürlich nicht verschweigen, dass Jia Zhangkes Meisterschaft so überbordend ist, dass die restlichen Filme an keiner Stelle konkurrieren können. Das muss ich ganz ehrlich sagen, und zwar in jeder Hinsicht: Künstlerisch, erzähltechnisch, schauspielerisch, überhaupt vom Gedanken her“, meint er bewundernd.

 

 

„Asche ist reines Weiß“ (Deutschlandstart: 6.12.2018) ist eine außergewöhnliche Geschichte über Loyalität, Treue und Liebe. Im Zentrum der Handlung steht Qiao, die – wie bei vielen Filmen des Regisseurs – von der Schauspielerin Tao Zhao verkörpert wird. Der Film steht ganz im Zeichen des „Jianghu“ (der chinesische Überbegriff für Syndikate und Geheimbünde) – für mafiöse Bruderschaften also, deren Zusammenhalt sich aus klar definierten Werten speist. „Ich bin fasziniert von der Jianghu-Kultur“, bestätigt der Regisseur auch bei der Vorführung seines Films in der Filmhochschule. Der chinesische Originaltitel „Jiang Hu Er Nv“ beschreibt exakter, um was es bei dem Drama geht: Man könnte den Titel mit „Kinder in den Flüssen und Seen“, beziehungsweise mit „Söhne und Töchter des Jianghu“ übersetzen.

 

Vom Gangsterfilm zum Roadmovie

 

Qiao liebt den Gangsterboss Bin (Fan Liao) und ist ihm treu ergeben. Würdevoll stolziert sie an den männlichen Mitgliedern des Clans vorbei, die ihre Zeit mit Glücksspiel und Rauchen verbringen. Ihre Ausstrahlung ist dabei kühl und selbstbewusst zugleich. Als sie mit Bin in den Hinterhalt einer weiteren Gang gerät, muss sie aus dem Inneren des umzingelten Autos mit ansehen, wie ihr Geliebter mit Stöcken fast zu Tode geprügelt wird. Sie greift zur Pistole.

 

Fünf Jahre später wird sie aus dem Gefängnis entlassen und begibt sich auf die Suche nach Bin, der sie nie besucht hat und inzwischen in einem anderen Teil des Landes lebt. Der Film wandelt sich nun von Gangsterstory und Melodram zum Roadmovie: Qiao reist mit dem Zug durchs ganze Land und muss jede Menge Tricks und Betrügereien anwenden, um sich durchzuschlagen. Als sie ihn endlich findet, stellt sich heraus, dass der ehemalige Gangster längst eine neue Freundin gefunden hat. Qiao ist aber weiterhin loyal – die Gesetze des Jianghu zu brechen steht für diese idealistische Frau zu keinem Zeitpunkt in Frage. Jia Zhangke erweist sich mit „Asche ist reines Weiß“ als ein echter Geschichtenerzähler, der tatsächlich etwas über die epochalen Veränderungen in seinem Land zu sagen hat: Sein Drama spannt sich über einen Zeitraum von 17 Jahren, denn die Handlung kehrt auch zu einem späteren Moment nochmal zurück zu Qiao und Bin, um aus ihrem verlorenen Leben zu berichten.

 

 

Überblick:

 

„Silent Mist“ (Chen Wu), Regie: Miaoyan Zhang, China/Frankreich 2017

„Dragonfly Eyes“ (Qing Ting Zhi Yan), Regie: Bing Xu, China 2017

„The Looming Storm“ (Bao Xue Jhiang Zhi), Regie/Buch: Yue Dong, Darsteller: Yihong Duan, Yiyan Jiang, Yuan Du, Chuyi Zheng, China 2017

„Asche ist reines Weiß“ (Jiang Hu Er Nv), Regie/Buch: Jia Zhangke, Darsteller: Tao Zhao, Fan Liao, Zheng Xu, Casper Liang, China/Frankreich 2018

 

Filmfest München 2018: Filmmakers Live

Die chinesischen Regisseure Jia Zhangke (ASCHE IST REINES WEISS), Feifei Wang (FROM WHERE WE'VE FALLEN) und Miaoyan Zhang (SILENT MIST) über aktuelle Tendenzen im chinesischen Film.

 

 

Filmfest München

http://www.filmfest-muenchen.de/de/

 

 

Images/Copyright:

(c) Silent Mist / Miaoyan Zhang, Guillaume de Seille, Chunlan Hu / Rice Productions

(c) Asche ist reines Weiß / Shanghai Film Group Corporation, Xstream Pictures, Huanxi Media Group Limited, MK Productions

(c) The looming storm / Hehe (Shanghai) Pictures / Shenzhen Enjoy Pictures Company Limited

(c) Dragonfly Eyes / Xu Bing Studio / Movieview International